Fahrradklimatest

Heute wurde das Ergebnis des Fahrradklimatests 2020 veröffentlicht. Die Medien berichten darüber. Düren hat nur Platz 91 von 110 Städten der Vergleichskategorie erreicht. Die Gesamtnote ist genau wie beim letzten Test vor 2 Jahren nur ein schwaches „ausreichend“ (4,3). Hier (Link) findest du den aktuellen Newsletter „Radfahren in Düren“ der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dazu. Es ist ein online blätterbares Magazin mit dem Schwerpunktthema Fahrradklimatest. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Rückmeldungen zu diesem neuen Format.

Ein sehr differenzierte Stellungnahme dazu auch nachfolgend (mit vielen Links im Text). Die Ergebnisse im Detail: Positiv abgehoben hat sich die Fahrradförderung in jüngster Zeit und Werbung für das Radfahren, die geöffneten Einbahnstraßen und die gute Wegweisung. Das freut uns sehr!
Negativ bewertet wurde neben Fahrraddiebstählen und fehlenden Leihrädern v.a. die Kategorie „Spass oder Stress“. Falschparker werden hier zu selten kontrolliert und die Wege sind nicht breit genug. Außerdem immer noch ein großes Thema: Die unzureichende Führung an Baustellen.

Bei den Zusatzfragen zu „Corona u. Radfahren“ zeigte sich mit einer schlechten Bewertung (4.7), dass Corona in Düren den Radverkehr nicht sichtbar nach vorne gebracht hat. Es gab keine Pop-Up-Bikelanes oder ähnliche Sofortmaßnahmen in Düren. Bei den Zusatzfragen nach der Wichtigkeit der einzelnen abgefragten Punkte kam heraus, dass sichere Wege und gleichberechtige Teilhabe im Verkehr ganz oben auf der Wunschliste stehen, während ein Fahrradverleihsystem eher unbedeutend wäre.

Dass Düren im Fahrradklimatest nicht besonders gut abschneiden würde, war für uns zu erwarten, denn viele von den richtigen Entscheidungen und Planungen der letzten Jahre sind für die Menschen noch nicht groß zu spüren. Es geht noch zu langsam voran.
„Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass die positive Aufbruchstimmung beim Thema Radverkehr sich noch etwas mehr im Ergebnis widerspiegelt“, so der verkehrspolitische Sprecher Georg Schmitz, der zukünftig auch den Ausschuss für Mobilität, Umwelt und Klimaschutz leiten wird.
„Ich glaube auch, dass der gesellschaftliche Wandel zu mehr Radverkehr zu sehr hohen Erwartungen bei den Bürger*innen führt und dass sich dadurch die tatsächlich erreichten Verbesserungen nicht so positiv auf das Ergebnis auswirken. Es ist ja grade durch Corona ein echter Fahrradboom zu erleben. Das freut mich sehr – aber die Infrastruktur hinkt leider noch hinterher. Man könnte auch sagen: Die Leute fahren nicht wegen der guten Radwege Rad, sondern trotz der noch schlechten Bedingungen fahren sie mit dem Rad. Deshalb müssen wir jetzt schneller werden! Der wissenschaftliche Leiter des Testes berichtete in der Fachtagung: In einer Globalbewertung ist zu erkennen, dass sich das Fahrrad – Klima in Deutschland insgesamt nicht nennenswert verbessert hat.“    

Es gab einige gute Beschlüsse in Richtung Verkehrswende in den letzten Jahren

Angefangen beim Klimaschutzteilkonzept klimaschonende Mobilität im Jahr 2015, über den Beschluss zum Neubau der Radstation am Bahnhof und den Masterplan Green City ab 2018 bis hin zum Start des 1000 Bügel – Programmes und der Vergabe eines Gutachtens für ein Radvorrangroutenkonzeptes im Jahr 2020, die Umbaupläne Euskirchener Straße und den ersten geschützten Radweg (PBL).

Weitere Projekte laufen, wie der Bau von Mobilitätsstationen und weiterer Radabstellanlagen, die Optimierung des Ruruferradweges, sowie die Erarbeitung einer neuen modernen Stellplatzsatzung, die bequemes Fahrradparken an den Wohnungen zumindest bei Neu – und Umbauten sicherstellen soll. Und man sieht auch tatsächlich schon viel in Düren, wenn man genau hinschaut und die alten Situationen noch kennt. Neu sind z.B. zahlreiche Abstellmöglichkeiten und Schutzstreifen mit Rotmarkierungen in der ganzen Stadt entstanden.

Schutzstreifen – Foto: Jens Veith

Außerdem wurden Einbahnstraßen für Radfahrende in Gegenrichtung freigegeben, sofern die Straße dafür geeignet war und alle Sackgassen wurden markiert, wenn Fuß – und Radverkehr am Ende einen Durchlass vorfinden. Sperrgitter, die früher an jeder Ecke zu finden waren, wurden schon an vielen Stellen entfernt und durch Sperrstäbe ersetzt, die Radfahrer*innen leichter passieren lassen. Nur der ganz große Wurf – der Umbau unserer Hauptverkehrsstraßen – das geht halt nicht mal so eben. Das braucht neben Ideen und Beschlüssen auch Geld und Personal für die Planung, viel Zeit und am Ende auch Firmen, die das trotz Bauboom ausführen können.

Die Koalition Zukunft Düren hat sich aber in den nächsten Jahren viel vorgenommen und dies im Koalitionsvertrag auszugsweise formuliert.

Zwei der Schlagzeilen sind: „Klimafreundliche Stadt – Verantwortung für diese und zukünftige Generationen“ und „Fahrradfreundliche Stadt – Mobilität und Sicherheit für Alle im Verkehr“. Konkret heißt es: Wir wollen den Stadtraum zukunftsgerecht neu verteilen. Fußgänger*innen und Radfahrer*innen brauchen mehr Raum. Daher ist für uns der Ausbau des Radwegenetzes wichtig. Aber auch die Sicherheit der Fußgänger*innen sind für uns oben auf der Agenda.
Ein zurzeit erarbeitetes Gutachten zur fahrradfreundlichen Stadt soll für uns Maßstab neuer Maßnahmen sein. Das Klimaschutzteilkonzept wird konsequent von uns umgesetzt. Wir streben in den nächsten drei Jahren an, Fahrradfreundliche Stadt Düren zu werden.
Alle vierspurigen und überbreiten Straßen sollen auf zwei Fahrspuren für den motorisierten Verkehr für sichere Fahrradwege zurückgebaut werden. Die Achse August-Klotz Straße bis Birkesdorf, die Stürtzstraße und die alte B56 werden zuerst in Angriff genommen. Wir werden vermehrt Fahrradstraßen in der Innenstadt schaffen. Wir wollen in der Innenstadt grundsätzlich Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit wo möglich“.
 

Was sich in den letzten Jahren deutlich gezeigt hat: Schutzstreifen, die aus wissenschaftlicher Sicht empfehlenswert und sicher sind, werden von den Menschen nicht als sichere Radverkehrsanlagen empfunden und entsprechend schlecht angenommen. Stattdessen fahren die Menschen entweder trotzdem auf dem Bürgersteig oder lassen das Rad direkt zu Hause stehen, sobald es Richtung City geht.
Die vorhandenen alten Bordsteinradwege sind aber auch keine Lösung, denn diese sind oft in schlechtem Zustand und es gibt vielfältige Hindernisse. Radfahrende sind dabei an Ausfahrten und Einmündungen schlecht zu sehen und deshalb gefährdet und auf Bordsteinradwegen gibt es auch mehr „Geisterfahrer*innen“.
Deshalb muss es in Zukunft darum gehen, für jede Straße die beste Lösung zu erarbeiten, die sicheren Radverkehr und sichere und komfortable Fußwege kombiniert. Möglich wird dies i.d.R. nur dadurch, dass man den Raum für den PKW -Verkehr reduziert. Dies kann entweder ein Teil der Fahrspur sein, wie bei überbreiten Straßen, oder auch mal ein Parkstreifen.

Ohne Umverteilung von „Platz“ gibt es keinen sicheren Radverkehr! 

Ob dann am Ende eine Fahrradstraße, ein Radweg, ein geschützter Radweg oder ein Schutzstreifen kommt, hängt von den jeweiligen Verhältnissen vor Ort ab. Wir Grüne wollen den Schutzstreifen als Gestaltungsmittel nicht grundsätzlich ausschließen, nehmen aber die Rückmeldungen der Bürger*innen aus dem Fahrradklimatest und weitere Rückmeldungen sehr ernst und orientieren daran unser weiteres Handeln.
Wichtig wird auch sein, dass das Ordnungsamt seine Arbeitsschwerpunkte überdenkt. Das Falschparken auf Fuß – und Radwegen ist eines der größten Probleme – und ganz ohne Umbauten abzustellen. Es muss mehr Kontrollen mit dem Schwerpunkt Verkehrssicherheit geben! Die beschlossene – aber immer noch nicht funktionierende – Fahrradstreife des Ordnungsamtes muss dringend raus auf die Straßen unserer Stadt!

Schmitz: „An der Verkehrswende müssen wir als Stadt nun zielstrebig und zügig – und möglichst alle an einem Strang – arbeiten und ich hoffe, dass die CDU endlich aufhört, Fuß – und Radverkehrsförderung ständig auszubremsen“.

Die Zeitfresser: Umfahrungen
Wer sich ehrenamtlich mit Mobilität in Düren beschäftigt, merkt schnell, dass es große „Zeitfresser“ gibt, also Themen, die immer wieder bearbeitet werden müssen und die deshalb oft „nerven“. Der größte Zeitfresser der letzten Jahre war die aus Radverkehrssicht ziemlich misslungene Planung der Umfahrung B56n. Radverkehr hatte da nur ein Nischendasein. Eine wichtige Radverbindung wurde einfach so gekappt, Kreuzungen waren nicht fahrradfreundlich, ein Tunnel absolut nicht zeitgemäß geplant. Immer wieder musste man nachfassen, sich Pläne besorgen – und versuchen, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. Und damit sowas bei einer möglichen B399n nicht wieder passiert, schauten wir uns die Pläne und Örtlichkeiten an und haben uns Gedanken um den Radverkehr der Zukunft gemacht.    
(Foto: Trasse der B399n bei Derichsweiler am Badesee.)

Auszugsweise weitere Beiträge auf unserer eigenen Homepage aus den letzten 2 Jahren:
Ergebnisse und eine Bewertung beim letzten Mal (aus dem April 2019)
Stadtradeln 2020:
Mehr Platz für Rad
Abbiegeassistenten beim DSB.
Abbiegeassistenten eingetroffen
Situation Rheinstraße (Ergebnis: Tempo 30 kommt in diesem Jahr!
Fahrradständer am Bahnhof:
Abstandskampagne
Diskussionsveranstaltung
Platz da – der Kongress zur Verkehrssicherheit

Beim ADFC-Fahrradklima-Test 2020 wurden erneut alle Rekorde geknackt.
Rund 230.000 Bürgerinnen und Bürger haben mitgemacht und über 1.000 Orte bewertet. Alle Städte über 50.000 Einwohnern sind diesmal bei der Umfrage erfasst worden, weil es genug Rückmeldungen gab. 94% der Teilnehmer*innen haben auch einen Führerschein. Es hat ein Querschnitt der Gesellschaft teilgenommen, nicht nur passionierte Radler*innen! So sah die Umfrage aus: Link.

Der erste Gewinner war die Hauptstadt.  Berlin erhielt einen Sonderpreis „Radfahren zu Coronazeiten“. Die Kategorien:  
Städte unter 20.000Einwohner*innen: Rutesheim (3.Platz), Reken (2.Platz), Wettringen (1.Platz)
Städte zwischen 20.000 und 50.000 Einwohner*innen: Meckenheim (2.Platz) hat schon eine weitestgehende Trennung zwischen Auto – und Radverkehr. Baunatal in Nordhessen erreichte den ersten Platz, obwohl es dort eine großes VW -Werk gibt. Dort planen Bürger für Bürger und die Politik nimmt diese sehr ernst! Die Bürgermeisterin sieht darin das Erfolgsrezept, dass Betroffene selbst draußen alles abfahren und sehr praxisnahe Lösungen suchen.   
Städte 50.00 bis 100.000: 3 Platz geht nach Konstanz. 2.Platz Bocholt in NRW, 1.Platz Nordhorn.
In Nordhorn wird auch der Platz der Bundesstraße neu verteilt!
Kategorie 100.000 bis 200.00 EW: Heidelberg (3.Platz), Erlangen (2.Platz), Göttingen (1.Platz)
Kategorie 200.000 bis 500.000 EW: Freiburg (3.Platz), Münster (2.Platz), Karlsruhe (1.Platz)
Gewünscht wurde von Minister Scheuer hier die Experimentierklausel, die es den Städten ermöglichen würde, eigene Konzepte auch abseits der bisher sehr engen Vorschriften zu erproben – z.B. Tempo 30 für die ganze Stadt.  
Kategorie mehr als 500.000 EW: Frankfurt (3.Platz) , Hannover (2.Platz), Bremen gewinnt in der Geburtsstadt des ADFC. Besonderheit in Bremen sind die neuen Fahrradzonen. In einem ganzen Quartier hat das Fahrrad Vorrang vor dem Auto, so wie man es sonst nur von Fahrradstraßen kennt.  
Allgemeine Ergebnisse
Ranglisten
Kernbotschaft der aktuellen Diskussionen ist: Es muss getrennte Netze geben! Jede Planerin/ jeder Planer muss sich fragen: Würde ich mein 12 jähriges Kind über diesen Weg fahren lassen?
Übrigens: Im Jahr 2020 wurden mehr Pedelecs und E-Bikes verkauft als private PKW zugelassen wurden!

Die Bürgerinitiative Pro Rad sieht das naturgemäß noch etwas kritischer: Link
Super aufbereitet sind die Ergebnisse auch hier, radpendler.org. Absolut deutliche Sicht auf die Mängel 🙂

Update: Es erscheint dazu auch ein Pressebeitrag. Im dem Beitrag der Zeitung am 17.3. heißt es unter einem Bild: Die ADFC-Ortsgruppe Düren, die Arbeitsgemeinschaft ProRad und Georg Schmitz als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen halten nicht viel von den roten Schutzstreifen: Diese würden ihrem Namen nicht gerecht.
Diese stark vereinfachte Formulierung deckt sich nicht mit der Originalaussage. Der Journalist hat zwei Mitteilungen vermischt und so einen unglücklichen Eindruck erweckt. Ich persönlich finde viele der Schutzstreifen ganz gut und zum Zeitpunkt des Beschlusses war damals einfach auch nicht mehr möglich.  
Sicher ist es so, dass Politik deutlich Forderungen oder Ideen vermitteln darf und muss, aber wir hatten ganz bewusst deutlich gemacht, dass wir Schutzstreifen nicht pauschal verteufeln, sondern dass für jede Straße nun die besten Konzepte für die Zukunft entwickelt werden müssen. Die Intention sollte sein: Es muss nun noch mehr für den Radverkehr getan werden.
In Einzelfällen, wie z.B. aktuell im großen Tal sind Schutzstreifen sinnvoll, in anderen Fällen werden wir aber auch neue bessere Lösungen suchen müssen, um den Radler*innen Sicherheit zu geben (z.B. geschützte Radfahrstreifen).
Mir ist diese Klarstellung wichtig, denn der Beitrag hinterlässt bei Leser*innen ja etwas den Eindruck, das wäre alles Unsinn, was die Stadt macht – und das haben wir ja mitgetragen. Richtig ist, wir müssen deutlich schneller und mutiger werden!